24. November 2019 NOR

Die Angst der Schul-Fördervereine

Grundschulkinder werden bislang privat ganztags betreut – Rechtsanspruch droht Organisatoren zu überfordern
Kieler Nachrichten, 23. November 2019, von Heike Stüben

RENDSBURG. 2025 sollen Eltern einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern erhalten. „Aber diese Betreuung wird bisher in Schleswig-Holstein auf die privaten Fördervereine abgewälzt, und die sind ehrenamtlich geführt”, sagt Sabrina Kruspe, Vorsitzende des Landesverbands der Kita- und Schulfördervereine, der sich gestern in Rendsburg gegründet hat. Sie und ihre Mitstreiter fürchten, dass die Vereine überfordert werden, und fordern Hilfe vom Land.

Viele der 797 Schulen und 1785 Kitas im Land haben Fördervereine – meist sind es Eltern, die diese gemeinnützigen Vereine gründen und am Leben erhalten. Zunächst ging es dabei um die personelle und vor allem finanzielle Unterstützung von Veranstaltungen. Da wird zum Beispiel der Adventsbasar organisiert und mit dem eingenommenen Geld ein Klettergerüst oder neues Musikinstrument angeschafft. Doch an immer mehr Grundschulen übernahmen diese Fördervereine auch die Verantwortung für die Verpflegung und Betreuung von Kindern, die sonst nach dem Unterricht auf sich gestellt wären. Eltern sind also ehrenamtlich Träger der Betreuten Grundschule – und das wirft viele Probleme auf.

Denn es wird für diese Vereine immer schwieriger, Mitstreiter unter den Eltern und genug Personal für eine qualifizierte Betreuung zu finden, berichtet Annika Henke, selbst zweifache Mutter und Vorsitzende des Schulfördervereins der Muhliusschule in Kiel. „Häufig scheitert es an der Zeit, weil beide Elternteile Vollzeit arbeiten. Oft schrecken aber auch der Aufwand, sich fachlich einzuarbeiten, und die Verantwortung ab, die man trägt.”​

Plötzlich wird der Vorstand zu einem Arbeitgeber

Schließlich wird der Vorstand plötzlich zum Arbeitgeber, muss für die Nachmittagsbetreuung der Kinder Personal finden und einstellen, muss für Buchführung und Steuererklärung sorgen und bei all dem stets das Regelwerk für gemeinnützige Vereine beachten. „Denn der Vorstand haftet persönlich. Wird dem Verein etwa aufgrund von irrtümlichen Verstößen die Gemeinnützigkeit entzogen, kann das erhebliche Folgen für uns haben”, sagt Annika Henke. Schon allein deshalb hat sie den Landesverband mitinitiiert.

Der Landesverband soll das notwendige Wissen vermitteln und bündeln, auch konkrete Hilfe etwa bei der Akquise von Geldern, bei Steuererklärungen und Arbeitsverträgen organisieren. „Er soll eine Konstante sein, denn ein Problem der Schulfördervereine ist es ja auch, dass die Vorstände der Fördervereine regelmäßig wechseln – spätestens, wenn das jüngste Kind auf die weiterführende Schule wechselt. Und der neue Vorstand muss sich dann wieder neu einfuchsen.”

Vor allem aber soll der Landesverband Interessenvertretung und Sprachrohr für die Fördervereine sein. Das sei umso wichtiger, wenn der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung kommt. „Wir müssen davon ausgehen, dass sich unsere Probleme dadurch noch verschärfen”, sagt die Kielerin. Denn an vielen Orten gibt es schon jetzt Wartelisten für die Betreute Grundschule. Diese Kinder müssen dann alle aufgenommen werden. „An unserer Schule gehen 67 Kinder in die Betreuung. Bei einem Rechtsanspruch müssten wir Betreuungskapazitäten für mindestens 84 Kinder bieten”sagt die Mutter aus Kiel.

Dafür müsse es nicht nur Räume, sondern auch Personal geben. „Schon jetzt ist es oft schwierig, Personal wie Erzieher für die Betreuung zu finden, weil Fördervereine nicht so viel bezahlen können wie Kitas”, sagt Sabrina Kruspe, Vorsitzende des neuen Landesverbandes. Die Mutter aus Rendsburg hofft, dass die Fördervereine durch den neuen Verband gegenüber der Politik vereint und stärker als bisher ihre Forderungen vertreten können. „Erstmal muss das Land eine Bestandsaufnahme machen: Wie viele Fördervereine organisieren heute Verpflegung und Betreuung? Wie viele Kinder sind in der Betreuung, wie viele auf Wartelisten? Und dann müssen wir überlegen: Wie lässt sich der neue Rechtsanspruch 2025 überhaupt im Land erfüllen?”

Wir müssen überlegen: Wie lässt sich der neue Anspruch 2025 verwirklichen?

Sabrina Kruspe,
Vorsitzende des neuen Landesverbands der Kita- und Schulfördervereine

Website: https://lvfv.de
Kontakt: info@lvfv.de

Lesen Sie den Originalbeitrag unter:
https://www.pressreader.com/germany/kieler-nachrichten/20191123/281771336035464